Upgrade to Pro — share decks privately, control downloads, hide ads and more …

Cognitive Biases im Software Engineering: Warum...

Cognitive Biases im Software Engineering: Warum gute Architekt:innen schlechte Entscheidungen treffen

Softwarearchitektur gilt als rationale Disziplin.
In der Praxis entstehen zentrale Architekturentscheidungen jedoch selten rein logisch, sondern unter dem Einfluss systematischer Denkfehler. Kognitive Verzerrungen wie **Confirmation Bias**, **Optimism Bias** oder die **Sunk Cost Fallacy** prägen Technologieauswahl, Aufwandsschätzungen, Migrationsentscheidungen und Teamdynamiken oft stärker, als uns bewusst ist.

Der Vortrag zeigt anhand realer Projektsituationen, wie solche Biases Entscheidungsprozesse unbemerkt lenken:
Wir verteidigen vertraute Lösungen, unterschätzen Risiken, folgen Trends oder halten an Strukturen fest, weil bereits zu viel investiert wurde. Die Folgen reichen von technischer Verschuldung über gescheiterte Transformationen bis zu schwer wartbaren Architekturen.

Statt abstrakter Psychologie geht es um **konkrete Muster aus dem Engineering-Alltag** und um **praktische Gegenmaßnahmen**, die sich im Architekturkontext bewährt haben.
Dazu zählen strukturierte Entscheidungsformate, Pre-Mortem-Analysen, gezieltes Debiasing in Teams sowie einfache Interventionen, die Denkfehler früh sichtbar machen.

Alle Konzepte basieren auf etablierter Forschung aus Kognitionspsychologie und Neurowissenschaften und werden mit praxisnahen Beispielen verknüpft.
Ziel sind bewusstere Entscheidungen im Team, Vermeidung von Denkfehlern, und damit insgesamt bessere Architekturen.

Avatar for Dr. Gernot Starke

Dr. Gernot Starke

July 18, 2026

More Decks by Dr. Gernot Starke

Other Decks in Programming

Transcript

  1. TL;DR Gehirn trifft (manchmal) irrationale Entscheidungen. Wahrnehmung kann krass täuschen.

    Gehirn bevorzug Gewohnheiten und Annahmen vor aktivem Denken.
  2. Viel Diagnose, kaum Therapie! Mohanani et al. (2020), Cognitive Biases

    in Software Engineering: A Systematic Mapping Study
  3. unser Gehirn... • ca. 1300g, davon 60% Fett i.Tr. •

    ca. 86 Milliarden Nervenzellen, jede davon ca. 1.000-10.000 Synapsen • 20 Watt Energieverbrauch, ca. 20% von Grundumsatz https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9499837
  4. Daniel Kahnemann Nobel Memorial Prize in Economic Sciences (2002) „The

    Nobel Memorial Prize in Economic Sciences, is an award administered by the Nobel Foundation. It is commonly referred to as the Nobel Prize in Economics. „ (Wikipedia)
  5. errors Cognitive biases are in the ways that individuals interpret

    information and make decisions. Kahnemann & Renshon predictable
  6. • 2500 Spieler befragt • alle kennen ihr ELO •

    >50% schätzten sich selbst höher ein als aktueller ELO • 89 ELO Punkte höher -> 2:1 Chance einen gleich bewerteten Gegner zu besiegen. • nach 12 Monaten keine Änderung dieser Einschätzung • https://www.psychologytoday.com/us/blog/ulterior-motives/202509/using-chess-to-study-overconfidence • https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/09567976251360747#core-collateral-purchase-access
  7. Overconfidence Bias Tendenz, die eigene Kompetenz oder die Genauigkeit eigener

    Urteile zu überschätzen — unabhängig vom tatsächlichen Können.
  8. Dunning-Kruger Effect: Overconfidence-auf-Drogen „Those lacking expertise lack the expertise they

    need to recognize that they lack expertise.“ David Dunning, 2025 https://www.psychologicalscience.org/news/2025-sept-overconfidence.html
  9. Dunning-Kruger Heck, P. R., Benjamin, D. J., Simons, D. J.,

    & Chabris, C. F. (2025). Overconfidence persists despite years of accurate, precise, public, and continuous feedback: Two studies of tournament chess players. Psychological Science, 36(9), 732–745.
  10. Aufgabe: Schätze Aufwand mit 90% Konfidenzintervall • Ergebnis: Tatsächliche Hit

    Rate: 60–70 % • Entwickler sagt „ich bin 90 % sicher“, liegt aber liegt in 30–40 % der Fälle daneben. • Gefühl: 90 % sicher, Realität: ~65 % sicher. • Trotz wiederholtem, zeitnahem Feedback blieben die meisten overconfident • Strukturiertes Vorgehen halfen etwas; reine Erfahrung half kaum • Auch Software-Profis scheitern daran, sich zu kalibrieren. Gruschke, T. & Jørgensen, M. (2007). Assessing Uncertainty of Software Development Effort Estimates: Learning from Outcome Feedback. Simula Research Laboratory / University of Oslo.
  11. Anchoring Bias Menschen werden bei Entscheidungen von Umgebungsinformationen beeinflusst, ohne

    dass ihnen dieser Einfluss bewusst wird. https://de.wikipedia.org/wiki/Ankereffekt
  12. Bloß Nichts Neues (totalitarian ego) Körper+Geist gehen in Abwehrhaltung, sobald

    eigene Meinungen/Annahmen in Frage gestellt werden. https://en.wikipedia.org/wiki/Cognitive_bias#List_of_biases Steht der eigenen Weiterentwicklung im Weg
  13. Vorein- genommenheit (confirmation bias) Neigung, Informationen so zu suchen und

    zu interpretieren, dass sie die eigenen Überzeugungen oder Hypothesen bestätigen.
  14. Semmelweis Reflex reflexartige Ablehnung neuer Erkenntnisse, wenn sie weit verbreiteten

    Normen oder Überzeugungen widersprechen. https://de.wikipedia.org/wiki/Semmelweis-Reflex Ignaz Semmelweis
  15. Ablehnung neuer Evidenz, wenn 1. herrschenden mentalen Modell widerspricht 2.

    die eigene Gruppe „im Unrecht" zeigt 3. akzeptierter Erklärungsmechanismus fehlt 4. Status oder Geschäftsmodell bedroht 5. von einem Außenseiter kommt
  16. 2* Millionen Menschenleben gerettet • Professor Katalin Karikó • Entwickelte

    mRNA Impfstoffe Foto: https://falling-walls.com/de/foundation/people/katalin-kariko * Quellen: • Watson et al. (2022), Lancet Infectious Diseases — ~19,8 Mio. im ersten Jahr • Meslé et al. / WHO Europe (2024), Lancet Respiratory Medicine — ≥1,4 Mio. in Europa • Ioannidis, Pezzullo et al. (2025), JAMA Health Forum — ~2,5 Mio. weltweit 2020–2024 • WHO/Europe Statement (16.01.2024): 1,4 Mio. Leben gerettet
  17. 50 Studierende lesen zwei Texte... • Text 1 stützt eine

    Theorie • Text 2 widerlegt diese Theorie Lord, C. G., Ross, L., & Lepper, M. R. (1979). „Biased Assimilation and Attitude Polarization: The Effects of Prior Theories on Subsequently Considered Evidence." Journal of Personality and Social Psychology, 37(11), 2098–2109. DOI: 10.1037/0022- 3514.37.11.2098 Erwartung: differenzierte, offene Diskussion über die Theorie. Pro Contra
  18. 50 Studierende lesen zwei Texte... • Text 1 stützt eine

    Theorie • Text 2 widerlegt diese Theorie Anschließend: • Jede Gruppe fühlt sich in der eigenen Meinung bestärkt • Polarisierungseffekt Lord, C. G., Ross, L., & Lepper, M. R. (1979). „Biased Assimilation and Attitude Polarization: The Effects of Prior Theories on Subsequently Considered Evidence." Journal of Personality and Social Psychology, 37(11), 2098–2109. DOI: 10.1037/0022- 3514.37.11.2098 Pro Contra
  19. Polarisierung statt Einigung Lord, C. G., Ross, L., & Lepper,

    M. R. (1979). „Biased Assimilation and Attitude Polarization: The Effects of Prior Theories on Subsequently Considered Evidence." Journal of Personality and Social Psychology, 37(11), 2098–2109. DOI: 10.1037/0022- 3514.37.11.2098
  20. Voreingenommenheit (confirmation bias) Soziale Medien zeigen primär Inhalte, die bestehende

    Vorbehalte/Annahmen/Meinungen bestätigen. https://en.wikipedia.org/wiki/Cognitive_bias#List_of_biases
  21. Tools we cling to (aka: how people decide) Annahme Instinkt

    Gewohnheit Offen für Neues A.Grant, p. 8
  22. Confirmation Bias im Dev-Team • Debugging: vorzeitig auf eine Ursache

    fixieren. • Architekturentscheidung steht innerlich schon fest; • Benchmarks, Case Studies nur noch selektiv zusammengesucht • Rechtfertigung statt echter Prüfung. • Testen: „Happy-Path"-Tests dominieren. • Code-Review: Erwartung steuert Wahrnehmung • vertrauter Autor → schnelles Approve; • erwartet schlechter Code → Du findest garantiert etwas.
  23. De-Biasing Bad News: Mohanani et al. (2020), Cognitive Biases in

    Software Engineering. Abschnitt zu Debiasing / Fischhoffs Stufen (arXiv 1707.03869) Selbsterkenntnis reicht nicht.
  24. Bias Blind Spot Pronin, E., Lin, D. Y., & Ross,

    L. (2002). The Bias Blind Spot: Perceptions of Bias in Self Versus Others. Personality and Social Psychology Bulletin, 28(3), 369–381. DOI: 10.1177/0146167202286008 https://www.cambridge.org/core/journals/judgment-and-decision-making/article/agency-and-selfother-asymmetries- in-perceived-bias-and-shortcomings-replications-of-the-bias-blind-spot-and-link-to-free-will- beliefs/33C3F2CE24AC6932CD6339713B566E55 Tendenz, bei sich selbst weniger kognitive Verzerrungen wahrzunehmen als bei anderen. "Biases sind ein Problem der anderen."
  25. Bias in Bewerbungen Thomas, O. & Reimann, O. (2023). The

    bias blind spot among HR employees in hiring decisions. German Journal of Human Resource Management, 37(3). https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/23970022221094523 • gleiche Qualifikation, unterschiedliche Wahrnehmung • Bias nur bei den Anderen
  26. Viel Diagnose, kaum Therapie! Mohanani et al. (2020), Cognitive Biases

    in Software Engineering: A Systematic Mapping Study Diagnosen: 37 gut untersuchte Biases Therapie: 0 (Null) validiert
  27. De-Biasing, done right Fischhoff, B. (1982). „Debiasing." In D. Kahneman,

    P. Slovic & A. Tversky (Hrsg.), Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases (S. 422–444). Cambridge University Press. „Aufgabe debiasen, nicht Personen.“
  28. De-Biasing Bewertungsmaßstab festlegen, bevor man das Ergebnis sieht. Vorab festlegen,

    welche Evidenz eine Entscheidung kippen darf. ADR mit explizitem „Revisit/Kill"-Abschnitt
  29. De-Biasing Devils Advocate: Warum könnte meine Lösung falsch sein? aktiv

    Gründe und Belege für Gegenthese suchen Lord, Lepper & Preston (1984), „Considering the Opposite: A Corrective Strategy for Social Judgment", JPSP 47(6), 1231–1243 (PubMed)