Woher hat die immanente Kritik ihre Normen? Sozialontologische Überlegungen zum Potenzial sozialer Praktiken

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November 18, 2011

Woher hat die immanente Kritik ihre Normen? Sozialontologische Überlegungen zum Potenzial sozialer Praktiken

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Titus Stahl

November 18, 2011
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  1. 1.

    Woher hat die immanente Kritik ihre Normen? Sozialontologische Überlegungen zum

    Potenzial sozialer Praktiken Konferenz „Immanente Kritik” Institut für Sozialforschung November 2011 Titus Stahl Goethe-Universität Frankfurt a.M. stahl@em.uni-frankfurt.de
  2. 2.

    Marx über immanente Kritik I Bisher hatten die Philosophen die

    Auflösung aller Rätsel in ihrem Pulte liegen, und die dumme ... Welt hatte nur das Maul aufzusperren, damit ihr die gebratenen Tauben der absoluten Wissenschaft in den Mund flogen. […] Ich bin nicht dafür, dass wir eine dogmatische Fahne aufpflanzen, im Gegenteil. -- K. Marx, Brief an Ruge, 1843
  3. 3.

    Marx über immanente Kritik II Wir entwickeln der Welt aus

    den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. […] Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewusstsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muss, wenn sie auch nicht will. -- K. Marx, Brief an Ruge, 1843
  4. 6.

    Normative Standards (B) Konservative ("interne") Kritik Verwendet die Standards, die

    de facto in einer Gemeinschaft akzeptiert sind. • Diese Kritik muss einen Teil der sozialen Realität (die akzeptierten Normen) von der Kritik ausnehmen, • ist nicht besonders informativ.
  5. 7.

    Normative Standards (C) Immanente Kritik Verwendet Standards, die in der

    Realität eine Basis haben, die aber weder mit den akzeptierten, noch mit den befolgten Normen identisch sind. • Diese Form der Kritik kann die ganze soziale Realität kritisieren, • ist informativ, • ist weder dogmatisch noch konservativ.
  6. 9.

    Drei Fragen 1. Ontologie: Was heißt es, dass immanente Normen

    „in” einer Gesellschaft existieren? 2. Epistemologie: Wie können wir wissen, welche immanenten Normen existieren? 3. Rechtfertigung: Wieso sollte die Existenz immanenter Normen für Personen einen Grund darstellen, ihre Gesellschaft zu verändern?
  7. 10.

    Die ontologische Frage Zwei Strategien: 1. Hermeneutische Strategie: Die akzeptierten

    Normen haben einen Überschuss an Sinn, der interpretativ erschlossen werden kann. 2. Praxistheoretische Strategie: In den praktischen Interaktionen sind Ansprüche institutionalisiert, die über die akzeptierten Normen hinausgehen.
  8. 11.

    Die hermeneutische Strategie • Kritik aus der Teilnehmerperspektive • Vorschlag

    eines besseren Verständnis der geteilten Normen oder Werte, aufbauend auf dem bereits vorhandenen Verständnis
  9. 12.

    Die hermeneutische Strategie: Leistungen • Vorteil: Vermeidung autoritärer Kritik •

    Ontologie: Sinn geteilter Werte • Epistemologie: Interpretation • Begründung: Authentizität
  10. 13.

    Die hermeneutische Strategie: Nachteile • Unterstellung geteilter Werte ist problematisch

    und droht, Exklusion zu reproduzieren. • Wie kann man die Verbindlichkeit einer bestimmten Interpretation begründen? Übereinstimmung kann nicht das Kriterium sein.
  11. 14.

    Die praxistheoretische Strategie • Sozialwissenschaftliche Aufklärung • Probleme bisheriger Ansätze:

    Voraussetzung des Werts spezifischer Praktiken, Begrenztheit • Aber: Keine vollständig immanente Begründung der normativen Privilegierung bestimmter Praxisformen.
  12. 15.

    Eine allgemeine Theorie immanenter Normen Soziale Praktiken als normativ strukturierte

    institutionalisierte Handlungsschemata mit internen, normativen Unterscheidungen zwischen korrektem und inkorrektem Verhalten
  13. 16.

    Das Regelfolgenproblem Wittgenstein: (1) Der Verweis auf die Akzeptanz expliziter

    Regeln sind nicht ausreichend, um die Tatsache zu erklären, dass Personen eine Regel befolgen; denn jede explizite Regel kann in verschiedener Weise angewendet werden. (2) Auch die Einführung weiterer Regeln, die die Anwendung festlegen, reicht nicht aus: Ein Regress droht.
  14. 17.

    Das Regelfolgenproblem (3) Auch der Verweis auf faktische Konformität löst

    das Problem nicht, denn diese Erklärung der Tatsache, dass eine Regel befolgt wird, nimmt Regeln die Normativität.
  15. 19.

    Die Funktion der Rede von Normen 1. Erklärende Funktion 2.

    Normative Funktionen: Bewertung, Rechtfertigung in der Praxis
  16. 20.

    Sozialpragmatistische Lösungen Brandom: Die Behauptung, dass eine Person einer Regel

    folgt, bezeichnet einen sozialen Status. Basales Phänomen: Zuschreibungen sozialen Status (Kritik, Sanktion, Korrektur).
  17. 21.

    Standardautorität Aber: Genauso wie das faktische Verhalten die Norm nicht

    konstituiert, konstituieren auch die faktischen Zuschreibungen die Geltung einer Norm nicht. In einer normativ regulierten Praxis gilt vielmehr, dass eine Norm nur dann gelten kann, wenn sich die Beteiligten hinsichtlich eines Verhaltensspektrums gegenseitig eine Standardautorität der Bewertung zuschreiben, das heißt, Sanktionen entweder akzeptieren oder wiederum selbst normativ sanktionieren. („Anerkennung”)
  18. 22.

    Die Ontologie immanenter Normen Immanente Normen sind die Normen, die

    sich in der Gesamtheit der Struktur der wechselseitigen, sozial regulierten Dispositionen in einer Gemeinschaft verwirklichen, sich gegenseitig eine Standardautorität der Bewertung zuzuschreiben.
  19. 23.

    Vorteile einer Anerkennungskonzeption immanenter Normen • Dieses Modell identifiziert immanente

    Normen weder mit geglaubten, noch mit befolgten Normen. • Es hat eine überzeugende Antwort auf das epistemologische Problem: Identifizierung praktisch handlungsleitender Normen.
  20. 24.

    Vorteile einer Anerkennungskonzeption immanenter Normen • Keine Unterstellung ethischer Uniformität

    • Begründung stützt sich auf bereits vorhandene, implizite Akzeptanz
  21. 25.

    Vorteile einer Anerkennungskonzeption immanenter Normen • Das Modell kann zur

    Explikation von Voraussetzungen zeitgenössischer kritischer Theorien dienen.
  22. 26.

    Ein gutes Beispiel Die amerikanische Debatte über die Krankenversicherung. •

    Die beste Interpretation dieser Debatte verweist darauf, dass beide Positionen ihre Basis in inkompatiblen praktischen Normen haben • Keine Entscheidung, aber Grundlage für Gesellschaftskritik
  23. 27.

    Ein problematisches Beispiel Diskriminierende immanente vs. progressive explizite Normen •

    Immanente Kritik ist kein Mittel zur Entdeckung des moralisch Guten.
  24. 28.

    Die Funktion immanenter Kritik • Immanente Kritik zeigt uns, ob

    wir Hoffnung haben dürfen. • Sie ersetzt aber keine Parteinahme.